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  Dienstag, 9. September 2003


© SonntagsZeitung; 2003-08-10; Seite 3

 

Nachrichten

 

Rabiate Razzia in Asylheimen:

Untersuchungsrichter im Ausstand

 

Die Kritik an der Glarner Polizei wächst.

Menschenrechtler fordern Richtlinien für Polizeieinsätze

in Asylunterkünften

 

GLARUS · Die Razzien der Glarner Polizei in drei Asylunterkünften

werden von einer unabhängigen Instanz untersucht - dies, nachdem die

Menschenrechtsorganisation Augenauf eine Anzeige wegen

Amtsmissbrauchs gegen die Ermittlungsbehörden

angekündigt hat. «Ich werde in den Ausstand treten»,

sagte Untersuchungsrichter Markus Denzler gegenüber der

SonntagsZeitung.

 

Kurz zuvor hatte er noch erklärt, er führe die

Untersuchung selbst - ein Verfahren in eigener Sache,

denn er hatte die Durchsuchungsaktionen vor einem Monat

in den Asylunterkünften in Ennenda, Rüti und Linthal

selber angeordnet. Die Verwaltungskommission der Glarner Gerichte wird

nun entscheiden müssen, wer unabhängig genug ist, um die Untersuchung

zu führen - in der Regel wird ein ausserkantonaler

Untersuchungsrichter bestimmt.

 

In der Nacht auf den 3. Juli sind laut Augenauf 20

schwer bewaffnete und maskierte Polizisten überfallartig

in die Asylunterkünfte eingedrungen. Sie fesselten die Flüchtlinge -

unter ihnen auch Frauen und Kinder - an Händen und Füssen und zogen

ihnen Stoffkapuzen über den Kopf. Danach seien diese nackt

fotografiert und stundenlang festgehalten worden, berichten

Betroffene. Ein 16-Jähriger verletzte sich schwer, als er in Panik

aus dem Fenster im dritten Stock sprang. Einem

21-Jährigen sei der Mund zugeklebt worden - eine

Massnahme, die bei Zwangsausschaffungen nach tödlichen

Zwischenfällen verboten worden ist.

 

«Wenn das stimmt, war das Vorgehen der Polizei extrem

unverhältnismässig», sagt Strafrechtsprofessor Franz Riklin von der

Universität Freiburg. Auch das Schweizerische Rote Kreuz (SRK), das

die Asylunterkünfte führt, kritisiert die Polizei: «Wir stellen uns

nicht grundsätzlich gegen Razzien. Aber so was haben wir noch

nie erlebt», sagt André Pfanner vom SRK. Und Jürg

Schertenleib von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe

(SFH) meint: «Die Methoden erinnern mich fatal an

diejenigen diktatorischer Regimes.» Schertenleib sieht

im Vorgehen eine Verletzung der Europäischen

Menschenrechtskonvention.

 

«Die Kantone müssen Richtlinien erlassen, wie solche

Razzien durchgeführt werden, um Übergriffe zu verhindern

- auch im Interesse der Polizeibeamten», sagt SP-Nationalrätin und

Menschenrechtsexpertin Ruth-Gaby Vermot.

Bei den Razzien sind vier Personen vorübergehend in

Polizeigewahrsam genommen worden. Eine Person befindet

sich in Untersuchungshaft. Was dem Asylbewerber

vorgeworfen wird und ob bei der Durchsuchung Deliktsgut

sichergestellt worden ist, wollte Polizeikommandant Roy

Kunz nicht sagen. Lukas Egli

 

 

 

© SonntagsZeitung; 2003-08-17; Seite 2

 

Nachrichten

 

Glarner Polizei: Selbstanzeige

Verfahren soll «Kesseltreiben» wegen Razzien beenden

 

GLARUS · Die Glarner Polizei hat sich selber angezeigt,

damit ihr Vorgehen bei Razzien in

Asylbewerberunterkünften untersucht wird. Der Glarner

Untersuchungsrichter Markus Denzler hat bereits eine Strafuntersuchung

angeordnet. Das Verfahren richtet sich gegen den Kripochef Daniel

Anrig sowie gegen unbekannt wegen «Amtsmissbrauchs und wegen

allfälliger anderer Straftaten». Nach Aussagen eines Polizeisprechers

habe man Selbstanzeige eingereicht, um dem «Kesseltreiben»

ein Ende zu setzen.

 

Die Verwaltungskommission der Gerichte hat inzwischen

einen ausserkantonalen Untersuchungsrichter bestimmt.

Laut Kommissionspräsidentin Johanna Schneiter wird der Appenzeller

Staatsanwalt Christian Bötschi die Untersuchung leiten. Wann er seine

Arbeit aufnehmen wird, ist noch offen. Untersuchungsrichter Denzler,

der die Razzien angeordnet hatte, ist in den Ausstand

getreten.

 

Der Menschenrechtsverein Augenauf hatte der Polizei vorgeworfen, bei

den Razzien die Europäische Menschenrechtskonvention missachtet zu

haben, und kündigte eine Strafanzeige an. Nach den Razzien hatte

der Glarner Polizeikommandant Roy Kunz erklärt, die

Aktionen seien «in jeder Art und Weise gesetzeskonform

und ordnungsgemäss befohlen, vorbereitet und

durchgeführt» worden. Lukas Egli


9:14:56 PM    comment []


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