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Freitag, 12. März 2004
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MORENO UND GRUPPENTHERAPIE
Nicht durch Anwendung der klassischen Psychoanalyse, sondern in bewusster Gegenposition zu ihr, entstand ein anderes Modell der Gruppentherapie und Gruppenarbeit: das Psychodrama nach J ACOB LEVI MORENO (1889-1974), dessen Ursprünge ebenfalls in Wien liegen. Moreno beanspruchte selbst das Verdienst — und es wird ihm auch allgemein zugesprochen —, 1931 oder 1932 den Begriff „Gruppenpsychotherapie“ in die Fachliteratur eingeführt zu haben. Jacob Moreno Levy, wie er sich ursprünglich nannte, war Rumäne jüdischer Abstammung. 1889 als ältestes von sechs Kindern in Bukarest geboren, kam er mit seiner Familie nach Österreich, studierte ab 1909 Philosophie und später Medizin in Wien, wo er 1917 auch promovierte. Vor seiner Emigration in die USA betätigte er sich in Österreich nicht nur als Arzt, sondern auch als Dichter und Philosoph, Schriftsteller und Herausgeber, Schauspieler und Theaterleiter. Er war an Theologie und Philosophie, besonders am Existenzialismus, sehr interessiert. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg „konzipierte“ er hier das Psychodrama (Moreno 1932a; 1969; 1989), arbeitete es jedoch erst später in den USA aus: Er experimentierte im pädagogischen Bereich in Wien mit Kindern und mit verschiedenen Formen des Theaters. Dabei entdeckte er, wie bedeutsam das Spiel für den Menschen ist und in welch hohem Ausmaß es die Entwicklung der Persönlichkeit beeinflusst. Gezielt als therapeutisches Instrument setzte er das Spiel jedoch erst Anfang der dreißiger Jahre in den Vereinigten Staaten ein. Morenos eigene Schilderung, in einem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel „The Viennese origins of the encounter movement. Paving the way for existentialism, group psychotherapy and psychodrama“ (Moreno 1969, 13) über seine Aktivitäten mit Kindern in Wien vermittelt einen guten Einblick in seine frühe Tätigkeit: „Mein wichtigster Anfang war in den Wiener Parks. Nach den regulären Schulstunden in den Öffentlichen Schulen kamen die Kinder jeden Tag zusammen. Da hielten wir Klassen ab, die aus kleinen Gruppen von 15 bis 20 Kindern bestanden, jede von einem Leiter angeführt, den die Kinder selbst wählten. Das Formprinzip der Klasse war ein Impromptu Test [“Impromptu“ = „Improvisation, Stegreif“], der die Kreativität des Kindes ermittelte. Altersunterschiede waren unwichtig. Kinder mit vier und zehn Jahren fanden sich häufig in derselben Gruppe. Das generelle Ziel der Klassen war einerseits, den ganzen Organismus des Kindes auszubilden, und nicht nur einzelne seiner Funktionen, andererseits, sie zur Erfahrung des Ganzen zu führen. In der Botanikklasse wurde das Kind beispielsweise in aktiven Kontakt mit dem Ding selbst gebracht, eine direkte Antwort auf einen direkten Kontakt wurde angestrebt. Das Kind erlebte den Baum. Dieser Baum wurde zum Zentrum der Aufmerksamkeit: Über den Baum wurde die Vorstellungskraft und Fantasie des Kindes freigesetzt. Das Kind lernte den Baum zu lieben, bevor es ihn analysierte. Unsere traditionellen Schulen drehen diese Ordnung um. Eine der außergewöhnlichsten Sachen oder Happenings in den Parks war die Elternwahl. Hunderte Kinder und hunderte Eltern kamen zusammen, um ihre Beziehung auf einem kosmischeren Niveau als bislang zu regeln. Das geschah durch ein Spiel, bei dem die Kinder die Gelegenheit bekamen, ihre Eltern abzulehnen und neue zu wählen. Nach der Wahlprozedur kehrte jedes Kind mit seinen neuen Eltern zurück.“ Schon 1913 als Medizinstudent beobachtete er in freien Diskussionsrunden anlässlich eines Projekts zur sozialen Wiedereingliederung von Prostituierten am Spittelberg in Wien die wechselseitige therapeutische Einwirkung der Teilnehmerinnen aufeinander: Moreno hatte gesehen, wie eine Prostituierte auf der Straße festgenommen wurde, hatte sich eingemischt und dann in wöchentlichen Treffen zusammen mit einem Arzt der Gesundheitsbehörde so etwas wie Bewusstseinserweiterung in Gruppen, Hilfe zur Selbsthilfe, durchgeführt (ders. 1972/73, 295-297). Bei diesen Beratungsgruppen und bei seiner Tätigkeit in den Jahren 1915 bis 1917 als medizinischer Betreuer des Flüchtlingslagers Mitterndorf, in dem mehr als zehntausend italienisch sprechende Österreicher aus Südtirol interniert waren (ders. 1972/73, 297f), stellte er erste „soziometrische“ Beobachtungen an. Die Flüchtlinge kamen mit ihrer Situation leichter zurecht, wenn sie sich nach eigener Wahl in kleinen Gruppen zusammenschließen konnten. (Moreno 1969) Nach einer Tätigkeit als Gemeindearzt in Bad Vöslau in Niederösterreich und Betriebsarzt der Vöslauer Kammgarnspinnerei (seit 1918) emigrierte Moreno 1925 in die USA. Ér war dort Gefängnispsychiater in Sing Sing und psychiatrischer Berater der Hudson Training School, einer Anstalt für schwer erziehbare Mädchen. Mit „Plans for the transforming of prisons into a socialized community“ fuhr Moreno in seiner Arbeit, die sich bereits in Wien abgezeichnet hatte, konsequent fort (ders. 1932b): Bei der Jahrestagung der American Psychiatric Association 1931 schlug Moreno die Einführung der Gruppenpsychotherapie für Strafgefangene und Insassen psychiatrischer Anstalten vor. Bei dieser Gelegenheit war es, dass er, wie erwähnt, als Erster den Begriff „Gruppenpsychotherapie“ formulierte. Von Moreno stammt die oft zitierte Bemerkung, die Gruppenpsychotherapie sei „in Wien gezeugt, aber in Amerika geboren worden“ (vgl. etwa Schütz 1989, 152.) Möglicherweise geht sogar das Wort "Gruppendynamik“ auf ihn zurück (vgl. Schwendenwein 1991, 273). Moreno war auch weiterhin verlegerisch aktiv, wie schon in Wien, wo er eine Literaturzeitschrift herausgegeben hatte. Er gründete mehrere gruppentherapeutische Vereinigungen. 1968 erhielt er das Goldene Doktorat der Universität Wien. Im selben Jahr veranstaltete er den Ersten Internationalen Kongress für Soziometrie in Baden bei Wien. Psychologisch und therapeutisch hatte die Gruppe für Moreno unbedingt Vorrang. Der Gruppentherapie schreibt er ein ungeheures Potenzial zu: vom „kosmischen Bewusstsein“ über die Lösung im Streit zwischen Kapitalismus und Kommunismus bis zu der Möglichkeit, das „therapeutische Proletariat“ zu befreien. Die Entwicklung gruppentherapeutischer Methoden ist, Moreno (1956) zufolge, von epochaler Bedeutung und stellt nach der Befreiung der Geisteskranken von den Ketten (durch den französischen Irrenarzt Philippe Pinel) und der Aufhellung des Unbewussten durch die Psychoanalyse (Freud) die „dritte psychiatrische Revolution“ dar. Davon überzeugt, dass Einzeltherapie viel zu kurz greife, schrieb Moreno (1934): „Wirklich therapeutische Maßnahmen müssen auf die Menschheit als Ganzes gerichtet sein.“ Moreno (1959, V) sah das Psychodrama als „Höhepunkt einer Psychotherapie, welche Individual-, Gruppen- und Aktionsmethoden verbindet.“ Als dessen Grundlagen betrachtete er „das Prinzip der schöpferischen Spontaneität und die Handlungskatharsis. Moreno (ebd. 76) war der Überzeugung, das Psychodrama sei eine „Tiefentherapie der Gruppe. Es fängt an, wo die Gruppenpsychotherapie aufhört und erweitert sie, um sie wirksamer zu machen.“ Es gehe über Abreagieren und Diskutieren hinaus und gebe durch die psychodramatische Bühne, die nicht außerhalb, sondern in der Gruppe ist, dem Verlangen nach Aktion Raum, und damit nach Gestaltung, nach dramatischem Ausdruck (ebd.). Er sah das Psychodrama als den „Triumph des Spiels“ und hob den Übergang vom psychoanalytischen Diwan zur psychodramatischen Bühne hervor (ebd. 81). Morenos Grundüberzeugung war: „Handeln ist heilender als reden.“ (zit. n. Leutz 1974, 145)
12:33:31 PM
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© Copyright 2004 Ruth Pfosser.
Last update: 10.04.2004; 14:10:21.
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